Eine Stadt wird Vorbild

Seit 2018 ist Mannheim Modellstadt – im Rahmen des „Sofortprogramms Saubere Luft 2017-2020“. Ziel der hier im Januar gestarteten Maßnahmen ist es, herauszufinden, wie sich die Stickstoffdioxidbelastung im Stadtgebiet nachhaltig reduzieren lässt. Ein Vorteil für die Fahrgäste: Viele Tickets in der Großwabe Mannheim/Ludwigshafen sind nun um einiges günstiger.

Mannheim, Bonn, Essen sowie Reutlingen und Herrenberg – das sind die fünf Modellstädte, in denen die Bundesregierung bis zum 31. Dezember 2020 saubere Verkehrskonzepte fördert. Die Frage, die dahintersteht: Wie kann es gelingen, die Luftqualität in Deutschlands Städten nachhaltig zu verbessern und damit die von der EU verordneten Grenzwerte für Stickstoffdioxid einzuhalten? Denn die wurden laut Bundesumweltamt im letzten Jahr in mindestens 35 deutschen Städten überschritten.

Alle fünf Modellstädte setzen auf deutlich günstigere Tickets für Busse und Bahnen sowie neue Linien und engere Takte. So soll sich der öffentliche Personennahverkehr (ÖPNV) als echte Alternative zum eigenen Auto etablieren. Die Stadt Mannheim, der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) und die Rhein-Neckar Verkehrsgesellschaft mbH (rnv) investieren bereits seit Jahren in den ÖPNV, unter anderem in ein stadtweites, flächendeckendes Stadtbahnnetz, in moderne Fahrzeuge, Mobilitäts-Apps und den „eTarif“.

Nun testen sie gezielt weitere Maßnahmen für das Modellstadt-Projekt, die im besten Fall als Vorbild für andere deutsche Städte dienen könnten. Für die zweijährige Testphase stellt der Bund Fördermittel in Höhe von 30 Millionen Euro zur Verfügung, die an feste Vorgaben gebunden und in Höhe und Dauer begrenzt sind. Die Verantwortlichen hoffen daher, in dem vorgegebenen Zeitraum möglichst viele neue Fahrgäste langfristig zum Umstieg vom Individualverkehr auf den ÖPNV bewegen zu können. Auch Ludwigshafen ist mit im Boot: Ein Teil der Tarifmaßnahmen wird in der gemeinsamen Großwabe umgesetzt.

Sauber unterwegs

Welche Rolle spielt der ÖPNV, wenn es darum geht, die Luft in deutschen Städten sauberer zu machen? Eine große, meint Christian Specht, Erster Bürgermeister der Stadt Mannheim und Vorsitzender des Zweckverbandes Verkehrsverbund Rhein-Neckar.

Herr Specht, was erhoffen Sie sich vom Modellstadt-Projekt?
Dass es uns gelingt, den ÖPNV noch attraktiver zu gestalten, um so noch mehr Menschen dazu zu bewegen, vom Privat-Pkw auf Bus und Bahn umzusteigen. Ziel ist ja, den motorisierten Individualverkehr zu verringern und so die Luftqualität möglichst zügig zu verbessern und die Stickoxidbelastung zu senken. Zudem hoffen wir auf allgemeingültige Erkenntnisse, ob solche Maßnahmen wie die von uns geplanten das Nutzerverhalten nachhaltig beeinflussen.

Um welche Maßnahmen handelt es sich konkret?
Die GreenCity-Tickets, die ermäßigten Fahrscheine, sollen insbesondere Gelegenheitsfahrgäste innerhalb der Großwabe Mannheim/Ludwigshafen überzeugen. Hier wurde beispielsweise der Preis beim Einzelfahrschein von bisher 2,60 Euro auf 1,80 Euro gesenkt. Flankierend gibt es Ermäßigungen und ein Startguthaben beim eTarif in Höhe von 20 Euro. Arbeitgeber in Mannheim erhalten im Rahmen der Modellstadt die Möglichkeit, für Job-Tickets einen Drei-Jahres-Rahmenvertrag abzuschließen, wobei während der Projektlaufzeit der Arbeitgeberanteil entfällt. Dadurch erhoffen wir uns, dass sich noch mehr Unternehmen entscheiden, ihren Mitarbeitern dieses günstige Ticket anzubieten. Mit einer Taktverdichtung auf ausgewählten Buslinien wollen wir den erwarteten Zuwachs an Fahrgästen auffangen und die Nutzung des Nahverkehrs insgesamt attraktiver machen.

Was spricht eigentlich gegen einen kostenlosen Nahverkehr in Mannheim?
Aus Sicht der Fahrgäste wäre das sicher eine schöne Sache. Ich habe jedoch schon in der Vergangenheit wiederholt betont: Ein kostenloser ÖPNV ist eine Illusion. Allein der Einnahmeausfall für den Bereich Mannheim würde die Stadt 80 Millionen Euro kosten. Das entspricht nahezu der Summe, die Mannheim im Jahr für die Sanierung oder Errichtung von Schulen, Brücken, Straßen und sonstigen Gebäuden ausgibt. Dabei sind Mittel für einen dann notwendigen Ausbau der Kapazitäten noch gar nicht eingerechnet. Ein solches Vorhaben wäre also aufgrund der hohen Einnahmeausfälle auf der einen Seite und der damit verbundenen finanziellen Mehrbelastung auf der anderen Seite für Kommunen nicht realisierbar.

Wann werden die Maßnahmen umgesetzt?
Die Einführung des GreenCity-Tickets etwa ist zum 1. Januar 2019 erfolgt, seit dem Jahreswechsel gibt es auch die Verbesserungen beim eTarif und die Möglichkeit für Arbeitgeber, auf den Drei-Jahres- Vertrag beim Job-Ticket zu wechseln, bei dem der Bund bis Ende 2020 den Arbeitgeberbeitrag übernimmt. Die Verstärkung im Bereich der Buslinie 50 erfolgte bereits im Dezember 2018. Im Sommer 2019 soll eine neue Buslinie das aktuell neu entstehende Glücksteinquartier erschließen.

Welche Summe steht Mannheim als Modellstadt zur Verfügung?
Wir rechnen mit rund 30 Millionen Euro an Zuschüssen vom Bund für die Jahre 2019 und 2020.

Und wie groß wird der Zuwachs an Fahrgästen voraussichtlich sein?
Grundsätzliches Ziel des Bundes ist es, im Rahmen des Modellstadt-Projektes zunächst Maßnahmen zu testen, um Stickoxidbelastungen deutlich zu senken. Durch die gezielten Anreize, die wir für Pkw-Nutzer setzen, erwarten wir erfahrungsgemäß eine stärkere Nachfrage. An dieser Stelle jedoch eine Prognose abzugeben, in welcher Höhe die Fahrgastzahlen tatsächlich zunehmen werden, wäre spekulativ.

Und wie sollen die hierfür nötigen zusätzlichen Kapazitäten geschaffen werden? Busse und Bahnen sind ja schon jetzt vor allem zu Stoßzeiten überfüllt.
Indem wir vor allem den Busverkehr ausbauen und verbessern. Hier stärken wir zum Beispiel eine tangentiale Linie und schaffen mehr Direktverbindungen. So entlasten wir den Stadt- und den S-Bahn-Verkehr. Und mit zusätzlichen neuen Hybridbussen erweitern wir vorhandene Kapazitäten.

Warum ist das Projekt auf zwei Jahre beschränkt?
Der Bund zielt mit dem Modellstadt-Projekt darauf ab, zu testen, welche Maßnahmen helfen, Pkw-Fahrer zum Umstieg auf den ÖPNV zu mobilisieren, damit den motorisierten Individualverkehr zu reduzieren und folglich die Luftreinhaltung zu verbessern. Es handelt sich also um einen Modellversuch für einen begrenzten Zeitraum, nach dessen Abschluss der Erfolg der einzelnen Maßnahmen evaluiert werden soll. Solche Versuche sind zeitlich begrenzt. Danach muss man zunächst die Ergebnisse des Modellversuchs auswerten. Klar ist jedoch: Sollen die Tarife weiterhin stark vergünstigt werden, können Kommunen die Kosten nicht allein tragen. Hierzu ist eine Finanzierung durch Bund und Land notwendig, wie dies gerade bei der Tarifreform im Großraum Stuttgart erfolgt.

(Der Originalartikel ist erschienen in Ausgabe 65 des Kundenmagazins „hin und weg“ des Verkehrsverbund Rhein-Neckar. Veröffentlichung auf modellstadt.de mit freundlicher Genehmigung.)

Welche Rolle spielt der ÖPNV, wenn es darum geht, die Luft in deutschen Städten sauberer zu machen? Eine große, meint Christian Specht, Erster Bürgermeister der Stadt Mannheim

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